Gletscherwelten
Der Tag zeigte sich bedeckt, das HKN lag bei etwa 3.000 m, die großen Gipfel des Ortlermassivs verhüllten sich also ziemlich den ganzen Tag in Wolken. Am Abend saß ich mit einer Ortler-Besteigungsgruppe zusammen am Tisch. Sie haben zumindest das sehr imposante Gipfelkreuz gesehen.
Die Etappe startete mit einem konstaten Aufstieg von 900 Hm aufs Madritschjoch. Ich bin da auch schon mal mit Ski runter gefahren. In Sumpfschnee, igitt. Dann lieber in aller Ruhe aufsteigen. Allerdings hat mich von Anfang an ein Nachwanderer gejagt. Er war etwas schneller als ich, hat also permanent aufgeholt, kurz vor dem Einholen aber immer ne Pause gemacht. YESS! Erschter! Wahrscheinlich ist das Madritschjoch mit 3.123 m sogar der höchste Punkt der diesjährigen Reise. Gesehen habe ich halt nix.
Obwohl ich es vorher wusste, hat mich das Suldener Skigebiet auf der anderen Seite schon ziemlich erschreckt. Viele Bahnen, planierte Piste, man kennt es ja.
Ursprünglich wollte ich ziemlich weit runter ins Tal und dann neu aufsteigen zur Tabarettahütte, aber nach Vor-Ort-Kartenstudium an der Bergstation der Suldenbahn habe ich spontan die Route geändert und habe den „Gletscherweg“ zur Hintergrathütte genommen. Eigentlich vermeide ich sowas, weil ich dadurch keine echte Planung mehr habe über Entfernung, Höhenmeter und Wegbeschaffenheit, aber es hat sich einfach aufgedrängt. Und es hat sich voll gelohnt. Der mit Stangen markierte Weg führt an steilen Moränen entlang, über blockiges Gelände, über Bäche und ganz oft über schuttbedecktes Gletscherblankeis. Eine eigenartige Landschaft.
Aber das Beeindruckendste: Der Weg führt ziemlich nah an die Hängegletscher der Königsspitze. Mit dem Marmolada-Ereignis im Hinterkopf habe ich schon immer geschaut, wo ein möglicher Abbruch wohl hinführen würde. Der Weg war aber wirklich genial angelegt.
Denn kurz nach High Noon hat’s gerumpelt und ein fettes Stück ist vom Gletscher abgebrochen und ins Tal geschossen. Schon ein bisschen gruselig. Das hat sich übrigens noch zweimal wiederholt. Ein dicker Felsbrocken ist dann auch näher Richtung Weg gekommen, aber es war klar, dass er über das Tälchen zwischen uns nicht rauskommt.
Was mir – in diesem Fall leider – fehlt, ist das Sofort-Handy-Zücken-Und-Filmen-Gen. Zeit genug wäre gewesen. Ich bin halt old fashioned mit offenem Mund da gestanden und habe gestaunt.
An der Hintergrathütte (Ausgangspunkt für die Hintergrat-Ortlerüberschreitung – Dieter, du hast das bestimmt schon gemacht, oder?) bin ich ohne Einkehr vorbei gegangen, und bald danach hat sich gezeigt, dass ich die Tabarettahütte mit wenig Höhenverlust auf einem tollen Höhenweg, dem Längenstein, gut erreichen kann.
Ich habe die Tabarettahütte ja wie meistens danach ausgesucht, dass die Etappenlängen passen. Aber die Lage ist einfach toll mit der der beeindruckenden Ortler-Nordwand neben/unten dran und dem Blick aus dem Tal hinaus Richtung Reschen und Teilen der Ötztaler.
Ganz ohne Nebengedanken geht’s auch diesmal nicht: Ihr könnt euch sicher an die harten inneren Konfliktdialoge erinnern und dass es einen konkreten Anlass gab? Dieser Anlass hat sich in Wohlgefallen aufgelöst, den Konflikt gab es gar nicht wirklich, er hatte sich nur angedeutet. Na super, Paul Watzlawicks Hammer lässt grüßen 🙂
Bleiben die Fragen: Was ist HKN und warum kann mir niemand sagen, wer den Satz „Wirklich oben bist du nie“ gesagt hat? Reinhold Messner wars übrigens ausnahmsweise nicht. Hat denn niemand den Film gesehen? Hmm.

Madritschjoch: Oben 🙂 
Bei solchen Apres-Iglus fallen mit immer die Skimänner und das rote Pferd ein, das sich einfach umdreht. 
Schuttbedeckter Gletscher – man kann es nur an den offenen Eisflanken sehen. 
Ich glaube, der kommt von der Königsspitze runter – und von dem sind die Stücker abgebrochen. 
Ich weiß nicht, ob man es erkennen kann. Ziemlich im Zentrum des Bildes ist das Eis heller. Da fehlen die Stücker. 
Ab und zu muss man solche Rinnen durchqueren. 
Erinnert mich an ein kriechendes Schleim-Monster 
Szenenwechsel: Die Schafherde hat Vortritt auf dem Pfad hoch zur Tabarettahütte. 
Blick talauswärts 
… zum Reschensee 
… und zur Weißkugel 
Ein großzügiges 20er Lager unterm Dach mit guten Matratzen und Duvets 
Die furchteinfößende Ortler Nordwand. Die Bergsteigersprüche dazu erspare ich uns.